Spektivblick
Dominik Eulberg, mit allem was dazugehört.

Archiv für die ‘Gedicht des Monats’ Kategorie

Die Ameisen

Freitag, Januar 20th, 2012

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona, auf der Chaussee,
da taten ihnen die Beine weh,
und da verzichteten sie weise
dann auf den letzten Teil der Reise.

(Joachim Ringelnatz 1883-1934)

Arm Kräutchen

Freitag, Dezember 16th, 2011

Ein Sauerampfer auf dem Damm
Stand zwischen Bahngeleisen,
Machte vor jedem D-Zug stramm,
Sah viele Menschen reisen.

Und stand verstaubt und schluckte Qualm
Schwindsüchtig und verloren,
Ein armes Kraut, ein schwacher Halm,
Mit Augen, Herz und Ohren.

Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer
Sah Eisenbahn um Eisenbahn,
Sah niemals einen Dampfer.

(Joachim Ringelnatz 1883-1934)

Als er sich auf einem stillen Örtchen befand

Donnerstag, November 10th, 2011

Mein Blick fällt aufs
Toilettenpapier.
Auf dem Blatt steht “Danke”.
Danke wofür?

Danke dafür,
daß ich es verwende
und keine edlen
Ressourcen verschwende.

Danke dafür,
daß ich es benütze
und so die Recycling-
Idee unterstütze.

Dank im Namen
von Wald und Baum:
Du sicherst unseren
Lebensraum.

Dank im Namen
von Fink und Star:
Du nimmst auch unsre
Interessen wahr.

Dank im Namen
der ganzen Natur:
So handeln
Auserwählte nur.

Dank im Namen
des blauen Planeten:
Heilig, heilig.
Lasset uns beten!

Dank für dein Dasein
in unserer Mitte!
Groß greif ich zur Rolle
und sag segnend: Bitte.

(Robert Gernhardt 1937-2006)

Hoffnung

Mittwoch, Oktober 19th, 2011

Ein Mensch erhofft sich fromm und still,
dass er einst das kriegt, was er will.
Bis er dann doch dem Wahn erliegt,
und schließlich das will, was er kriegt.

(Eugen Roth 1895-1976)

Unter Zeiten

Donnerstag, September 15th, 2011

Das Perfekt und das Imperfekt
tranken Sekt.
Sie stießen auf Futurum an
(was man wohl gelten lassen kann)
Plusquamper und Exaktfutur
blinzten nur.

(Christian Morgenstern 1871-1914)

Auf dem See

Mittwoch, August 24th, 2011

Und frische Nahrung, neues Blut
Saug’ ich aus freier Welt’
Wie ist Natur so hold und gut,
die mich am Busen hält!
Die Welle wieget unsern Kahn
Im Rudertakt hinauf,
Und Berge, wolkig, himmelan,
Begegnen unserm Lauf.

Aug’, mein Aug’, was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum! so gold du bist;
Hier auch Lieb’ und Leben ist.

Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne;
Weiche Nebel trinken
Rings die türmende Ferne;
Morgenwind umflügelt
Die beschattete Bucht,
Und im See bespiegelt
Sich die reife Frucht.

(Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832))

Gartenarbeit

Donnerstag, Juli 14th, 2011

Ich sense das Gras
aus Spaß.
Ein Laubfrosch verweilt.
Zerteilt.
Zwei Augen schau’n mich traurig an.
Ich sag, ich bin der Sensemann.

Johann König

Im Sommer

Freitag, Juni 17th, 2011

In Sommerbäder
Reist jetzt ein jeder

Und lebt famos.
Der arme Dokter,
Zu Hause hockt er
Patientenlos.

Von Winterszenen,
Von schrecklich schönen,
Träumt sein Gemüt,
Wenn, Dank der Götter,
Bei Hundewetter
Sein Weizen blüht..

(Wilhelm Busch 1832-1908)

Alles neu, macht der Mai

Mittwoch, Mai 11th, 2011

Alles neu, macht der Mai,
Macht die Seele frisch und frei
Laßt das Haus, kommt hinaus,
Windet einen Strauß!
Rings erglänzet Sonnenschein,
Duftend pranget Flur und Hain;
Vogelsang, Hörnerklang
Tönt den Wald entlang.

Wir durchzieh’n Saaten grün,
Haine, die ergötzend blüh’n,
Waldespracht neu gemacht,
Nach des Winters Nacht.
Dort im Schatten an dem Quell
Rieselnd munter, silberhell,
Klein und Groß ruht im Moos,
Wie im weichen Schoß.

Hier und dort, fort und fort,
Wo wir ziehen Ort für Ort
Alles freut sich der Zeit,v Die verjüngt, erneut,
Widerschein der Schöpfung blüht
Uns erneuernd im Gemüt.
Alles neu, frisch und frei
Macht der holde Mai.

(Hermann Adam von Kamp 1794-1827)

Gedicht des Monats

Donnerstag, April 7th, 2011

Ein kleines Mädchen
lehrt seine Katze tanzen
im Frühlingsregen.

Issa (1763 – 1827)