Spektivblick
Dominik Eulberg, mit allem was dazugehört.

Posts Tagged ‘Gedicht des Monats’

Dein Lachen

Freitag, September 3rd, 2010

Nimm mir das Boot weg, wenn du
es willst, nimm mir die Luft weg,
aber laß mir dein Lachen.

Laß mir die Rosenblüte,
den Spritzstrahl, den du versprühst,
dieses Wasser, das plötzlich
aufschießt in deiner Freude,
die jähe Pflanzenwoge,
in der du selbst zur Welt kommst.

Mein Kampf ist hart, und manchmal
komme ich heim mit müden
Augen, weil ich die Welt
gesehn, die sich nicht ändert,
doch kaum trete ich ein,
steigt dein Lachen zum Himmel,
sucht nach mir und erschließt mir
alle Türen des Lebens.

Meine Liebe, auch in der
dunkelsten Stunde laß dein
Lachen aufsprühn, und siehst du
plötzlich mein Blut als Pfütze
auf den Steinen der Straße,
so lache, denn dein Lachen
wird meinen Händen wie ein
frisch erglänzendes Schwert sein.

Und am herbstlichen Meer
soll deines Lachens Sturzflut
gischtend himmelwärts steigen,
und im Frühling, du Liebe,
wünsche ich mir dein Lachen
als Blüte, lang erwartet,
blaue Blume, die Rose
meines klingenden Landes.

Lache über die Nacht,
über den Tag, den Mond,
lache über die krummen
Gassen unserer Insel,
lache über den Burschen,
den Tolpatsch, der dich liebt,
aber wenn ich die Augen
öffne, wenn ich sie schließe,
wenn meine Schritte fortgehn,
wenn sie dann wiederkommen,
nimm mir das Brot, die Luft,
nimm mir das Licht, den Frühling,
aber niemals dein Lachen,
denn sonst würde ich sterben.

(Pablo Nerudas 1904-1973)

Dein Lachen

Nimm mir das Boot weg, wenn du

es willst, nimm mir die Luft weg,

aber laß mir dein Lachen.

Laß mir die Rosenblüte,

den Spritzstrahl, den du versprühst,

dieses Wasser, das plötzlich

aufschießt in deiner Freude,

die jähe Pflanzenwoge,

in der du selbst zur Welt kommst.

Mein Kampf ist hart, und manchmal

komme ich heim mit müden

Augen, weil ich die Welt

gesehn, die sich nicht ändert,

doch kaum trete ich ein,

steigt dein Lachen zum Himmel,

sucht nach mir und erschließt mir

alle Türen des Lebens.

Meine Liebe, auch in der

dunkelsten Stunde laß dein

Lachen aufsprühn, und siehst du

plötzlich mein Blut als Pfütze

auf den Steinen der Straße,

so lache, denn dein Lachen

wird meinen Händen wie ein

frisch erglänzendes Schwert sein.

Und am herbstlichen Meer

soll deines Lachens Sturzflut

gischtend himmelwärts steigen,

und im Frühling, du Liebe,

wünsche ich mir dein Lachen

als Blüte, lang erwartet,

blaue Blume, die Rose

meines klingenden Landes.

Lache über die Nacht,

über den Tag, den Mond,

lache über die krummen

Gassen unserer Insel,

lache über den Burschen,

den Tolpatsch, der dich liebt,

aber wenn ich die Augen

öffne, wenn ich sie schließe,

wenn meine Schritte fortgehn,

wenn sie dann wiederkommen,

nimm mir das Brot, die Luft,

nimm mir das Licht, den Frühling,

aber niemals dein Lachen,

denn sonst würde ich sterben.

(Pablo Nerudas 1904-1973)

Philanthropisch

Dienstag, August 3rd, 2010

Ein nervöser Mensch auf einer Wiese
wäre besser ohne sie daran;
darum seh’ er, wie er ohne diese
(meistens mindestens) leben kann.

Kaum daß er gelegt sich auf die Gräser,
naht der Ameis, Heuschreck, Mück und Wurm,
naht der Tausendfuß und Ohrenbläser,
und der Hummel ruft zum Sturm.

Ein nervöser Mensch auf einer Wiese
tut drum besser, wieder aufstehn
und dafür in andre Paradiese
(beispielshalber: weg) zu gehen.

(Christian Morgenstern 1871-1914)

Versagensangst

Mittwoch, Juli 7th, 2010

Ich leide an Versagensangst, besonders, wenn ich dichte. Die Angst, die machte mir bereits manch schönen Reim zuschanden.

(Robert Gernhardt 1937-2006)

Mondnacht

Mittwoch, Juni 2nd, 2010
Mondnacht | Bild: German-Kunst

Mondnacht | Bild: German-Kunst

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

(Joseph von Eichendorff 1788-1857)

“Warum die Zitronen sauer wurden”

Montag, Mai 3rd, 2010
Zitronen

Zitronen

Ich muß das wirklich mal betonen:
Ganz früher waren die Zitronen
(ich weiß nur nicht genau mehr, wann dies
gewesen ist) so süß wie Kandis.

Bis sie einst sprachen: “Wir Zitronen,
wir wollen groß sein wie Melonen!
Auch finden wir das Gelb abscheulich,
wir wollen rot sein oder bläulich!”

Gott hörte oben die Beschwerden
und sagte: “Daraus kann nichts werden!
Ihr müßt so bleiben! Ich bedauer!”
Da wurden die Zitronen sauer…

(Heinz Erhardt 1909-1979)

Nichts

Montag, März 1st, 2010
Zikade | Foto: Nicole Rebbert

Zikade | Foto: Nicole Rebbert

Nichts
in der Stimme der Zikade sagt,
Wie bald sie sterben wird.

Matuso Basho 1644-1694

Natur

Donnerstag, Januar 28th, 2010
Natur | Bild von Peter Fritschi

Natur | Bild von Peter Fritschi

Wenn immer sie mich fragen,
Ob ich ein Freund sei der Natur,
Was soll ich ihnen nur
Dann sagen?

Ich kann eine Bohrmaschine,
Einen Hosenträger oder ein Kind
So lieben wie eine Biene
Oder wie Blumen oder Wind.

Ein Sofa ist entstanden,
So wie ein Flußbett entstand.
Wo immer Schiffe landen,
Finden sie immer nur Land.

Es mag ein holder Schauer
Nach einem Erlebnis in mir sein.
Ich streichle eine Mauer
Des Postamts. Glatte Mauer aus Stein.

Und keiner von den Steinen
Nickt mir zurück.
Und manche Leute weinen
Vor Glück.

(Joachim Ringelnatz 1883.-1934)

Lichtblick

Montag, Januar 11th, 2010
Lichtblick | Bild von Veronika Pinke

Lichtblick | Bild von Veronika Pinke

Ein Mensch erblickt das Licht der Welt -
doch oft hat sich herausgestellt
nach manchem trüb verbrachten Jahr,
dass dies der einzige Lichtblick war.

(Eugen Roth 1895-1976)

Jahresende

Mittwoch, Dezember 2nd, 2009
Jahresende

Jahresende

Rückblickzeiten, Vorausblicke
Gespräche am Gipfel
Wie war’s? Wie wird’s?
was bringt, was brachte
kein Fisch, kein Fleisch
Latein am Ende
Das Heiße trifft das Kalte
Das Neue wird wie´s Alte

von Manfred H. Freude

Herbsttag

Freitag, November 6th, 2009
Herbst | Bild von Ingo Doering

Herbst | Bild von Ingo Doering

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke 1875 -1926)